{"id":26548,"date":"2024-09-18T14:43:13","date_gmt":"2024-09-18T12:43:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.act-translations.com\/warum-humor-beim-uebersetzen-oft-verloren-geht\/"},"modified":"2024-09-18T15:56:18","modified_gmt":"2024-09-18T13:56:18","slug":"warum-humor-beim-uebersetzen-oft-verloren-geht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.act-translations.com\/de-ch\/warum-humor-beim-uebersetzen-oft-verloren-geht\/","title":{"rendered":"Kann man Humor \u00fcbersetzen? Wo die Sprache hilft \u2013 und wo die \u00dcbersetzung scheitert"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Die \u00dcbertragung von Humor in eine Zielsprache z\u00e4hlt zu den lohnendsten, aber auch zu den schwierigsten Jobs von \u00dcbersetzer:innen. Was in einer Sprache z\u00fcndet, kann in der anderen v\u00f6llig unkomisch wirken. Manchmal funktioniert die \u00dcbersetzung hervorragend \u2013 und manchmal h\u00e4tte man es besser bleibenlassen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In&nbsp;<em>Der t\u00f6dlichste Witz der Welt<\/em>, einem Sketch der britischen Komikertruppe Monty Python, erfinden die Briten w\u00e4hrend des zweiten Weltkriegs einen Witz, der so lustig ist, dass man vor Lachen stirbt. Er wird in Kleingruppen fertiggestellt \u2013 schon ein paar Worte zu viel davon zu h\u00f6ren, ist ja lebensgef\u00e4hrlich \u2013, ins Deutsche \u00fcbersetzt und an der Front mit t\u00f6dlicher Wirkung vorgelesen. Der deutsche Text des Witzes ist Kunstsprache. Er klingt, wie Deutsch in englischen Ohren eben klingt: hart, ungelenk, unmelodisch.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=Qklvh5Cp_Bs\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Der ber\u00fchmte Sketch<\/a>\u00a0ist voll von Anspielungen auf englische und deutsche Klischees. Nicht zuletzt auf die unterschiedlichen Arten von Humor. Der von den Deutschen eingesetzte \u201eVergeltungswitz\u201c ist so schlecht, dass er bei den Briten nur Verwunderung ausl\u00f6st.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Transcreation schl\u00e4gt w\u00f6rtliche \u00dcbersetzung&nbsp;<\/h2>\n\n\n\n<p>Das <a href=\"https:\/\/www.act-translations.com\/de-ch\/humor-erfolgreich-uebersetzen-und-transkreieren\/\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/www.act-translations.com\/de-de\/humor-erfolgreich-uebersetzen-und-transkreieren\/\">\u00dcbersetzen von Humor<\/a>\u00a0geh\u00f6rt auch f\u00fcr Profis zu den besonders herausfordernden Aufgaben. Reine \u00dcbersetzung Wort f\u00fcr Wort funktioniert fast nie. Stattdessen geht es nahezu immer um Transcreation, also die sinngem\u00e4\u00dfe \u00dcbertragung von Inhalten in andere Sprachen und Kulturr\u00e4ume \u2013 mit dem Ziel, dort die gleiche Emotion auszul\u00f6sen. \u00dcbersetzerinnen und \u00dcbersetzer, die sich an den Herausforderer \u201aHumor\u2018 heranwagen, m\u00fcssen also selbst eine wesentliche Eigenschaft besitzen, die man leider nicht lernen kann: Humor.<\/p>\n\n\n\n<p>In vielen F\u00e4llen gelingt das sehr \u00fcberzeugend. In manchen eher nicht.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Wortspiele: Wenn der Witz fast immer auf der Strecke bleibt<\/h2>\n\n\n\n<p>Wortspiele sind in den meisten F\u00e4llen un\u00fcbersetzbar. F\u00fcr S\u00e4tze wie&nbsp;<em>I wasn\u2019t going to get a brain transplant, but then I changed my mind<\/em>&nbsp;findet man in keiner Kultur der Welt eine sprachliche Entsprechung, die den Witz ebenb\u00fcrtig transportiert. Kommt \u00e4hnliches in der Literatur oder im Film vor, bleibt nur, ein v\u00f6llig neues Wortspiel oder eine entsprechende Redewendung zu erfinden. Oder die Stelle einfach unlustig zu \u00fcbersetzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz andere Chancen ergeben sich bei Anspielungen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Anspielungen: Humor auf der Basis des Bekannten<\/h2>\n\n\n\n<p>Humor entsteht in vielen F\u00e4llen daraus, dass auf Ereignisse angespielt wird, die allgemein bekannt sind. Ein klassischer Auftrag f\u00fcr die Transcreation: Denn was in Frankreich jeder kennt, kann in Deutschland v\u00f6llig ohne Kontext sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu den Gro\u00dfmeistern dieses Fachs z\u00e4hlten und z\u00e4hlen die deutschen \u00dcbersetzer:innen der franz\u00f6sischen&nbsp;<em>Asterix<\/em>-Comics. Die seit 1959 erscheinenden B\u00e4nde waren vor allem in der Fr\u00fchzeit, als Ren\u00e9 Goscinny textete, \u00fcbervoll von gro\u00dfartigen Verweisen auf Geschichte, Kultur und auch Popkultur. Vieles davon universell verst\u00e4ndlich, anderes wohl nur f\u00fcr Franzosen und Franz\u00f6sinnen. Die \u00dcbersetzer:innen der Comics leisteten hinsichtlich Transcreation perfekte Arbeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Beispiel: Als die Gallier in&nbsp;<em>Asterix bei den Olympischen Spielen<\/em>&nbsp;im Hafen Pir\u00e4us landen, singen sie im Chor ein Lied, das auf ein bekanntes franz\u00f6sisches Chanson anspielt und mit einigen Wortspielen an die Comic-Handlung adaptiert ist. Da das Chanson im deutschen Sprachraum unbekannt ist, mussten die Texter:innen beim Wortwitz kreativ werden. In der deutschen Version singen die Gallier \u201eEin Schiff wird kommen \u2026\u201c Auch hier also der Verweis auf einen bekannten Schlager, der noch dazu ebenfalls Bezug zur Handlung hat: Das Lied beginnt mit den Worten \u201eIch bin ein M\u00e4dchen aus Pir\u00e4us\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Erfolgreich gel\u00f6st ist etwa auch die deutsche Synchronisation der englischen Filmkom\u00f6die von 1995&nbsp;<em>Der Engl\u00e4nder, der auf einen H\u00fcgel stieg und von einem Berg herunterkam<\/em>. Der Witz des Films basiert unter anderem auf der legend\u00e4ren Rivalit\u00e4t zwischen Engl\u00e4ndern und Walisern \u2013 die dem deutschsprachigen Publikum aber weitgehen unbekannt ist. Im Film prallen immer wieder die beiden Dialekte aufeinander und l\u00f6sen beim Gegen\u00fcber Unwillen und Unverst\u00e4ndnis aus. Die \u00dcbersetzer:innen verzichteten zum Gl\u00fcck darauf, hier deutsche Dialekte einzusetzen \u2013 schafften es aber dennoch, die Rivalit\u00e4t der beiden Volksgruppen permanent humorvoll sp\u00fcrbar zu machen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Kulturelle Unterschiede: Nicht nur Sprache macht den Humor<\/h2>\n\n\n\n<p>Der individuelle Sinn f\u00fcr Humor ist bekanntlich sehr divers. Doch auch zwischen den Kulturen gibt es deutliche Unterschiede. Vieles davon ist Klischee, oft genug aber trifft es zu.<\/p>\n\n\n\n<p>Den \u00dcbersetzer:innen verlangt das besonderes Fingerspitzen- und Sprachgef\u00fchl ab. Basiert der Witz etwa auf sexuellen Anspielungen oder auf Themen, die an der Political Correctness kratzen, ist in mancher Zielkultur Vorsicht geboten \u2013 entsprechende Entwicklungen verlaufen nicht \u00fcberall synchron, weshalb die Transcreator:innen auch gut \u00fcber die aktuell herrschende Stimmung im Zielland Bescheid wissen m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass auch innerhalb gemeinsamer Sprachr\u00e4ume unterschiedliche Humor-Klimazonen herrschen, zeigen etwa die markanten Unterschiede zwischen Deutschland und \u00d6sterreich.<\/p>\n\n\n\n<p>Gut sichtbar ist das zum Beispiel an der Kabarett-Szene. Viele deutsche Kabarettisten gehen eher brachial vor, w\u00e4hrend in \u00d6sterreich meist subtilerer und vor allem deutlich schw\u00e4rzerer Humor vorherrscht. Interessanterweise sind Kabarettisten wie Josef Hader in Deutschland dennoch sehr erfolgreich, obwohl gerade er h\u00e4ufig ein Musterbeispiel an pessimistisch-schwarzem Humor ist. Wer\u00a0<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=VkFcunNnKxI\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Auftritte des Kabarettisten und Schauspielers in Deutschland<\/a>\u00a0sieht, wird allerdings bemerken, dass Josef Hader selbst seine Sketches einer Art Transcreation unterzieht. Einige \u00f6sterreichische Begriffe, die in Deutschland nicht bekannt sind, hat er \u00fcbertragen. Aber auch die Tonalit\u00e4t seiner Ironie ist an einigen Stellen leicht ver\u00e4ndert, um auch das deutsche Publikum zu erreichen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Und manchmal kann es auch zu viel des Guten sein<\/h2>\n\n\n\n<p>Vor allem im Bereich des Films sind Synchronstudios immer wieder verleitet, Humor einzusetzen, wo urspr\u00fcnglich keiner vorgesehen war. Eine Hochbl\u00fcte erlebte dieser Effekt in den 1970er-Jahren, als eine Welle heute eher anstrengend wirkenden Humors durch die Kinos schwappte.<\/p>\n\n\n\n<p>Das zeigt sich oft an den Filmtiteln. Der gro\u00dfartige Komiker Louis de Fun\u00e8s wurde h\u00e4ufig Opfer dieser Mode: W\u00e4hrend die Streifen im Original meist neutrale, deskriptive Titel tragen, hei\u00dfen sie in der deutschen Fassung etwa&nbsp;<em>Quietsch \u2026 quietsch \u2026 wer bohrt denn da nach \u00d6l?<\/em>,&nbsp;<em>Bei Oscar ist \u2018ne Schraube locker <\/em>oder&nbsp;<em>Onkel Paul, die gro\u00dfe Pflaume<\/em>. Schmerzhaft.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein weiteres bekanntes Beispiel bietet\u00a0<em>Mein Name ist Nobody<\/em>\u00a0von 1973. Der\u00a0<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=T9jgUgauZRw\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Western mit Terence Hill und Henry Fonda<\/a> hat auch im Original humoristische Aspekte, behandelt aber durchaus ernsthafte Themen wie etwa Generationenkonflikte oder den \u00fcbergro\u00dfen Druck, der aus Legendenstatus entsteht. Dass Terence Hill damals bereits einige erfolgreiche Kom\u00f6dien mit Bud Spencer gedreht hatte (die ebenfalls erstaunliche deutsche Titel-Stilbl\u00fcten hervorbrachten), animierte die \u00dcbersetzer:innen offenbar dazu, den Film \u00fcber seine ganze L\u00e4nge mit Kalauern vollzustopfen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die \u00dcbertragung von Humor in eine Zielsprache z\u00e4hlt zu den lohnendsten, aber auch zu den schwierigsten Jobs von \u00dcbersetzer:innen. Was in einer Sprache z\u00fcndet, kann in der anderen v\u00f6llig unkomisch wirken. Manchmal funktioniert die \u00dcbersetzung hervorragend \u2013 und manchmal h\u00e4tte man es besser bleibenlassen. 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