{"id":33113,"date":"2025-09-26T14:53:17","date_gmt":"2025-09-26T12:53:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.act-translations.com\/?p=33113"},"modified":"2025-09-26T14:53:55","modified_gmt":"2025-09-26T12:53:55","slug":"so-veraendert-sich-deutsche-sprache","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.act-translations.com\/de-de\/so-veraendert-sich-deutsche-sprache\/","title":{"rendered":"Sprachwandel: Warum die deutsche Sprache Entwicklung braucht"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Sprache wandelt sich. Das hat sie immer schon getan. Wen das irritiert, \u00fcbersieht, wie wichtig Sprachwandel ist, um der Sprache immer wieder neue Lebendigkeit zu verleihen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Titus Petronius Arbiter war ganz offensichtlich ziemlich irritiert. In seinem Roman Satyricon kritisiert der r\u00f6mische Dichter ausf\u00fchrlich das schlechte Latein der Jugend und des P\u00f6bels. Das Vulg\u00e4rlatein, das Petronius um das Jahr 50 unserer Zeit so st\u00f6rt, tr\u00e4gt bereits erste Charakteristika seines modernen Nachfolgers: der italienischen Sprache.<\/p>\n\n\n\n<p>Rund 250 Jahre sp\u00e4ter entsteht die <em>Appendix Probi<\/em> eines namentlich unbekannten Lehrers, der akribisch auflistet, wie gewisse Vokabeln korrekt auszusprechen seien. Die S\u00e4ule etwa hei\u00dfe immer noch <em>columna<\/em> und nicht etwa <em>colomna<\/em>, wie man immer wieder h\u00f6re. Das italienische <em>colonna<\/em> ist zu diesem Zeitpunkt also fast schon entstanden.<\/p>\n\n\n\n<p>Sprachpuristen hat es also schon immer gegeben. Aber selbst Gr\u00f6\u00dfen wie Arthur Schopenhauer oder Karl Kraus standen letztlich auf verlorenem Posten: <a href=\"https:\/\/www.act-translations.com\/de-de\/so-werden-sprachen-entschluesselt\/\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/www.act-translations.com\/de-de\/so-werden-sprachen-entschluesselt\/\">Sprache ver\u00e4ndert sich nun einmal<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die Ursachen des Sprachwandels<\/h2>\n\n\n\n<p>Sprachwandel geschieht langsam und ist nur retrospektiv und aus gewisser Distanz zu erkennen. Und er geschieht fast immer unbewusst: Niemand hat im vierten Jahrhundert beschlossen, <em>columna<\/em> ab sofort undeutlich auszusprechen \u2013 es ist einfach passiert, und immer mehr Menschen haben es \u00fcbernommen. \u00dcber lange Zeitr\u00e4ume hinweg k\u00f6nnen lokale Dialekte auf diese Weise zu neuen Sprachen werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Neben Ver\u00e4nderungen der Sprache aus sich selbst heraus f\u00fchren auch \u00e4u\u00dfere Einfl\u00fcsse zum Sprachwandel. Treffen verschiedene Sprachen aufeinander, beeinflussen und ver\u00e4ndern sie einander. Klassische Ausl\u00f6ser daf\u00fcr sind Migrationsbewegungen, Handelsbeziehungen, kulturelle Kontakte und Austausch sowie Eroberungen und Kolonialismus. Dass die wirtschaftliche Globalisierung, Internet und Social Media sprachliche Ver\u00e4nderungen massiv beschleunigen, liegt auf der Hand.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Sprachwandel geschieht im Wesentlichen auf vier Ebenen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">#1 Erweiterung des Wortschatzes: Neue W\u00f6rter braucht das Land<\/h2>\n\n\n\n<p>Immer wieder verschwinden W\u00f6rter, und neue setzen sich durch. Im Wortschatz des ost\u00f6sterreichischen Deutsch zum Beispiel waren noch vor Jahrzehnten viele jiddische und b\u00f6hmische Ausdr\u00fccke gebr\u00e4uchlich, ein deutlicher Nachhall der Demografie der Habsburger Monarchie. Die meisten davon sind jungen Menschen heute unbekannt. Das kann man bedauern und sich dennoch \u00fcber Neuzug\u00e4nge freuen.<\/p>\n\n\n\n<p>Viele dieser Neuzug\u00e4nge sind Fremdw\u00f6rter und Lehnw\u00f6rter, also Begriffe wie <em>Computer<\/em> oder <em>Meeting<\/em>. Sprachpuristen, die solche Einfl\u00fcsse kritisieren, \u00fcbersehen oft, dass es diese Einfl\u00fcsse immer schon gab. <a href=\"https:\/\/www.heise.de\/news\/Vorwurf-laecherliche-Angeber-Anglizismen-Duden-zum-Sprachpanscher-gekuert-1946973.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><u>Seitens des Duden hei\u00dft es<\/u><\/a>, rund ein Viertel der im W\u00f6rterbuch enthaltenen Begriffe habe fremdsprachliche Wurzeln. Wobei vor allem viele, die aus dem Lateinischen und Altgriechischen stammen, l\u00e4ngst nicht mehr als Fremd- oder Lehnw\u00f6rter erkannt werden. \u00dcberraschend gering ist hingegen der Anteil von Worten aus der englischen Sprache.<\/p>\n\n\n\n<p>Interessanterweise gab es auch gegenl\u00e4ufige Entwicklungen, die politische Hintergr\u00fcnde hatten. Schon im Barock kam es zu gezielten Versuchen, Fremdw\u00f6rter durch deutsche Begriffe zu ersetzen, und im nationalistisch gepr\u00e4gten 19. Jahrhundert folgte ein weiterer Schub in diese Richtung. W\u00f6rter wie <em>Anschrift<\/em> (statt <em>Adresse<\/em>), <em>herk\u00f6mmlich<\/em> (statt <em>konventionell<\/em>) oder <em>Umschlag<\/em> (statt <em>Kuvert<\/em>) zeugen davon.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Sonderfall sind die Pseudoentlehnungen, die wie Lehnw\u00f6rter wirken, ohne es zu sein. Ber\u00fchmtestes Beispiel ist das Wort <em>Handy<\/em>, das im Englischen keineswegs f\u00fcr <em>Mobiltelefon<\/em> steht, sondern <em>praktisch<\/em> bedeutet. Manchmal \u00fcberschneiden sich Pseudoentlehnung und Neologismus: <em>Telefon<\/em> zum Beispiel vereint zwei altgriechische W\u00f6rter, ohne klarerweise selbst eines zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Und schlie\u00dflich kommt es immer wieder zu Neusch\u00f6pfungen, den echten Neologismen. Sie treten vor allem auf, wenn neue Lebensrealit\u00e4ten benannt werden m\u00fcssen. W\u00f6rter wie <em>Livestream<\/em> oder <em>googeln<\/em> konnte es fr\u00fcher einfach nicht geben, <em>Klimakrise<\/em> zum Gl\u00fcck auch noch nicht. Besonders viele Neologismen kamen immer schon aus der Jugendsprache. Und sie haben immer schon den gleichen Effekt erzielt: zun\u00e4chst heftige Ablehnung seitens der Puristen, dann Etablierung einiger der neuen W\u00f6rter im Alltag.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">#2 Jugendsprache und mehr: Bedeutungswandel als Treiber der Sprachentwicklung<\/h2>\n\n\n\n<p>Spannend ist der Effekt des Bedeutungswandels. Permanent werden W\u00f6rter mit neuen Inhalten aufgeladen, was ihren Sinn sowohl einschr\u00e4nken als auch erweitern kann. So haben etwa Begriffe wie <em>Maus<\/em> oder <em>Surfen<\/em> im Zusammenhang mit Computern und Internet ihre Bedeutung \u00fcber Nagetiere und Wassersport hinaus erweitert.<\/p>\n\n\n\n<p>Einen erheblichen Wandel hat zum Beispiel der Begriff <em>geil<\/em> durchlebt. Im Althochdeutschen hatte er die Bedeutung von <em>\u00fcberm\u00fctig<\/em>, im Mittelhochdeutschen eher von <em>kr\u00e4ftig<\/em>, <em>lustig<\/em> oder <em>fr\u00f6hlich<\/em>. Erst viel sp\u00e4ter bekam das Wort eine fast ausschlie\u00dflich sexuelle Konnotation. Vor allem im \u00f6sterreichischen Deutsch bezeichnete <em>geil<\/em> bis vor kurzem aber auch eine sehr s\u00fc\u00dfe Geschmacksempfindung. Aus der Jugendsprache entstand schlie\u00dflich die heute gleichberechtigte Bezeichnung f\u00fcr alles, das als besonders positiv oder spannend empfunden wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Bedeutungswandel kann auch Phrasen betreffen. Noch vor einigen Jahren passte etwas <em>wie die Faust aufs Auge<\/em>, wenn es komplett unpassend war. Das hat sich ge\u00e4ndert: Heute ist es im Sprachgebrauch ein Bild daf\u00fcr, dass etwas besonders gut passt (was \u00fcbrigens auch psychologisch recht interessant ist).<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">#3 Der Einfluss der Dialekte: Sprachwandel durch Entwicklung der Artikulation<\/h2>\n\n\n\n<p>Die historischen Ver\u00e4nderungen in der Aussprache deutscher W\u00f6rter sind in der Linguistik gut erforscht. Germanistik-Student:innen k\u00f6nnen ein Lied davon singen, dass es nicht ganz einfach ist, sich die diversen Lautverschiebungen zu merken. Die Ver\u00e4nderungen trennen bis heute die verschiedenen deutschen Sprachr\u00e4ume und Dialekte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Beispiel: Ungef\u00e4hr ab dem elften Jahrhundert kam es in gro\u00dfen Teilen des deutschen Sprachraums zur sogenannten neuhochdeutschen Monophthongierung. Dabei wurden Zwielaute zu langen Vokalen, also etwa <em>guot<\/em> zu <em>gut<\/em> oder <em>bruoder<\/em> zu <em>Bruder<\/em>. In Gegenden wie Baden-W\u00fcrttemberg, Bayern oder \u00d6sterreich geschah das allerdings nicht. Dort werden die W\u00f6rter im Dialekt auch heute wie <em>guat<\/em> und <em>Bruader<\/em> ausgesprochen.<\/p>\n\n\n\n<p>Was Petronius im ersten Jahrhundert so bitter beklagte, trifft also unweigerlich jede Sprache: Die Aussprache ver\u00e4ndert sich, getrieben von Dialekten und der Alltagssprache. Unaufhaltsam und immer wieder.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">#4 Die deutsche Sprache und ihre Grammatik: Sprachwandel oder Sprachverfall?<\/h2>\n\n\n\n<p>Grammatikalische Ver\u00e4nderungen der Sprache sind wahrscheinlich noch vor Anglizismen und Denglisch jener Aspekt des Sprachwandels, der die Gralsh\u00fcter am effizientesten auf die Palme treibt. Und damit haben sie nicht ganz unrecht. Zumindest dort, wo es um sprachliche Verarmung, um die Nivellierung nach unten geht.<\/p>\n\n\n\n<p>Der schleichende R\u00fcckzug von Genitiv, Pr\u00e4teritum und Konjunktiv oder das \u00dcberhandnehmen von Hilfsverben sind in der Alltagssprache kein Problem. Beim Sprechen haben Menschen schon immer dazu geneigt, Sprache m\u00f6glichst einfach und effizient zu halten. Dass die verbreitete vereinfachte Kommunikation in den sozialen Medien in Kombination mit dem R\u00fcckgang des Lesens der Sprache insgesamt nicht gut tut, kann allerdings kaum bestritten werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem Lamento \u00fcber den Sprachwandel darf man es nicht \u00fcbertreiben, er ist Teil der Lebendigkeit von Sprache. Wenn allerdings Kultur verloren geht, darf man mit Recht traurig sein.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">W\u00f6rterb\u00fccher: Neue Regeln als Stein des Ansto\u00dfes<\/h2>\n\n\n\n<p>Angesichts der sprachlichen Entwicklungen wirken W\u00f6rterb\u00fccher ein bisschen wie Staumauern, die permanent neue Risse bekommen. Man kann vermuten, dass die beiden Br\u00fcder Jacob und Wilhelm Grimm so etwas wie Endg\u00fcltigkeit schaffen wollten, als sie im Jahr 1838 die Arbeit am gigantischen <em>Deutschen W\u00f6rterbuch<\/em> begannen. Als der letzte Band ganze 123 Jahre sp\u00e4ter fertiggestellt war, hatten die zuvor erschienenen allerdings bereits bedeutende \u00dcberarbeitungen erfahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Und der erste Band der Duden-Reihe, das Rechtschreibw\u00f6rterbuch, l\u00f6st mit jeder neuen Auflage heftige Kritik aus, speziell angesichts des Versuchs, dem Sprachwandel gerecht zu werden. Immer wieder dreht sich der Disput um Anglizismen, Neologismen und Jugendsprache, um gendern und vor allem um grammatikalische Neuerungen. Der Musikwissenschaftler und Kunstgeschichtler Manfred Sack ging 1985 <a href=\"https:\/\/web.archive.org\/web\/20090623215551\/https:\/www.zeit.de\/1985\/23\/Trotzdessen-trotz-dem\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><u>in einem lesenswert w\u00fctenden Text<\/u><\/a> in <em>Die<\/em>\u00a0<em>Zeit<\/em> mit seiner Kritik besonders weit.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Thema Sprachwandel ist ein hoch emotionales mit einigen negativen, aber gleichzeitig vielen positiven Entwicklungen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sprache wandelt sich. Das hat sie immer schon getan. Wen das irritiert, \u00fcbersieht, wie wichtig Sprachwandel ist, um der Sprache immer wieder neue Lebendigkeit zu verleihen. Titus Petronius Arbiter war ganz offensichtlich ziemlich irritiert. In seinem Roman Satyricon kritisiert der r\u00f6mische Dichter ausf\u00fchrlich das schlechte Latein der Jugend und des P\u00f6bels. 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