{"id":33120,"date":"2025-09-26T14:58:58","date_gmt":"2025-09-26T12:58:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.act-translations.com\/?p=33120"},"modified":"2025-09-26T14:59:04","modified_gmt":"2025-09-26T12:59:04","slug":"so-werden-sprachen-entschluesselt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.act-translations.com\/de-de\/so-werden-sprachen-entschluesselt\/","title":{"rendered":"Linguistik als Abenteuer: Die Entzifferung unbekannter Sprachen"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Die Entschl\u00fcsselung ausgestorbener Schriftsysteme geh\u00f6rt zum Spannendsten, das die Sprachwissenschaft zu bieten hat. An der Schnittstelle zwischen Arch\u00e4ologie und Linguistik ist es immer wieder zu legend\u00e4ren Durchbr\u00fcchen gekommen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Auf den Durchbruch folgt die Ohnmacht. Als Jean-Fran\u00e7ois Champollion am 14. September 1822 nach jahrelanger erm\u00fcdender Arbeit begreift, dass er die \u00e4gyptischen Hieroglyphen tats\u00e4chlich entziffern kann, l\u00e4uft er zu seinem Bruder, ruft \u201eJe tiens l\u2019affaire!\u201c (\u201eIch habe es geschafft!\u201c) und bricht bewusstlos zusammen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die von mehreren Zeugen best\u00e4tigte Anekdote ist heute ebenso legend\u00e4r wie die sensationelle Leistung des franz\u00f6sischen Sprachwissenschaftlers. Er hatte es gegen zahlreiche Widrigkeiten und R\u00fcckschl\u00e4ge geschafft, was lange f\u00fcr unm\u00f6glich gehalten worden war.<\/p>\n\n\n\n<p>Grundlage seines Erfolges war der ber\u00fchmte Stein von Rosette, der heute im British Museum ausgestellt ist. 1799 wurde er von Soldaten des napoleonischen \u00c4gypten-Feldzugs gefunden (und geraubt) und geriet nach dem Sieg der Briten \u00fcber Frankreich 1801 nach London. Das Stelen-Fragment zeigt einen Text in \u00e4gyptischen Hieroglyphen sowie die \u00dcbersetzung in die \u00e4gyptische Alltags-Schrift Demotisch und ins Altgriechische. Das war die Grundlage f\u00fcr Champollions sp\u00e4teren Erfolg.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Krimi um die Hieroglyphen zeigt exemplarisch, was zusammenspielen muss, um vergessene Schriften zu entschl\u00fcsseln: akribische Arbeit, unglaubliche Ausdauer \u2013 und das Gl\u00fcck, einen Bezugspunkt zu finden. Die <a href=\"https:\/\/www.act-translations.com\/de-de\/so-veraendert-sich-deutsche-sprache\/\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/www.act-translations.com\/de-de\/so-veraendert-sich-deutsche-sprache\/\">Sprachwissenschaft<\/a> ist voll von solchen Geschichten. Hier sind drei der spannendsten.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Linearschrift B: Ein Meilenstein f\u00fcr Linguistik, Arch\u00e4ologie und Geschichte<\/h2>\n\n\n\n<p>Arthur John Evans hat viel gemeinsam mit seinem gro\u00dfen Vorbild, dem Troja-Entdecker Heinrich Schliemann. Als Autodidakt wird er oft nicht ernstgenommen, er setzt arch\u00e4ologische Grabungstechniken ein, die Fachleuten die Haare zu Berge stehen lassen, er ist stur und arrogant. Und er ist letztlich erfolgreich. Nach hartn\u00e4ckiger Recherche findet Evans im Jahr 1900 auf Kreta die Ruinen von Knossos und damit den ersten Beleg f\u00fcr die Existenz der minoischen Hochkultur.<\/p>\n\n\n\n<p>An einem jedoch scheitert Evans: Die auf zahlreichen Tont\u00e4felchen gefundene v\u00f6llig unbekannte Schrift (er nennt sie Linearschrift B) kann er trotz intensiver Versuche bis zu seinem Lebensende nicht entziffern. Das liegt einerseits daran, dass er anderen keinen Zugang zu seinen Funden erlaubt. Andererseits ist er auf der v\u00f6llig falschen Spur: Evans ist davon \u00fcberzeugt, dass Linear B die isolierte Sprache der Minoer darstellt, also eine nicht-indogermanische Sprache, f\u00fcr die es keinerlei Bezugspunkt gab.<\/p>\n\n\n\n<p>So bleibt es bis in die 1940er-Jahre. Dann gelangt der Nachlass von Evans in die H\u00e4nde der US-amerikanischen Altphilologin Alice Elisabeth Kober. Ihr gelingen zwar gro\u00dfe Schritte zum Verst\u00e4ndnis der Schrift, doch auch sie erkennt nicht, was sie da wirklich vor sich hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Das gelingt erst dem englischen Architekten und Linguisten Michael Ventris im Jahr 1952. Er kommt als erster auf die Idee, Linear B k\u00f6nnte eine fr\u00fche Form der griechischen Sprache sein. Indem er in den Texten nach heute noch gleich oder \u00e4hnlich lautenden kretischen Ortsnamen sucht, schafft er den Durchbruch.<\/p>\n\n\n\n<p>Inhaltlich sind die Texte \u00fcbrigens nicht besonders aufschlussreich. Es handelt sich um belanglose Notizen aus Verwaltung und Handel, die rein zuf\u00e4llig erhalten sind, weil die Tont\u00e4felchen bei Br\u00e4nden dauerhaft gebrannt wurden. Die Auswirkungen auf die Geschichtswissenschaft sind wesentlich spannender: Die Entzifferung von Linear B machte klar, dass schon in der mykenischen Kultur Griechisch gesprochen wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwei weitere kretische Schriftsysteme bleiben bis heute r\u00e4tselhaft: An Linear A und der kretischen Hieroglyphenschrift sind bislang alle Entzifferungsversuche abgeprallt.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Eine ausgezeichnete <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=vX0SXa48rsA\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><u>Dokumentation \u00fcber die Entschl\u00fcsselung der Linearschrift B<\/u><\/a> finden Sie auf YouTube.<\/em><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Keilschrift: Entzifferung im Teamwork<\/h2>\n\n\n\n<p>Die Keilschrift ist ein Schriftsystem, das in mehreren Sprachen Verwendung fand. Die sumerische Version ist fast 5.500 Jahre alt und damit neben den \u00e4gyptischen Hieroglyphen die \u00e4lteste heute bekannte Schrift.<\/p>\n\n\n\n<p>Die v\u00f6llige Fremdartigkeit der Schrift macht sie buchst\u00e4blich \u00fcber Jahrhunderte zu einem ungel\u00f6sten Problem. Schon 1621 zeigt sich der r\u00f6mische Forschungsreisende Pietro della Valle von der Inschrift auf einem in Persepolis gefunden Ziegel fasziniert. Die Entzifferung ist kein pl\u00f6tzlicher wissenschaftlicher Durchbruch, sondern ein Prozess, der ein halbes Jahrhundert dauert. Und ein Erfolg, der mehrere V\u00e4ter hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Den Anfang macht der deutsche Altertumsforscher Georg Friedrich Grotefend, der als erster postuliert, dass es sich bei Keilschrift \u00fcberhaupt um Schriftzeichen handelt. Im Jahr 1802 gelingt Grotefend, in Abschriften eines Texts die K\u00f6nigsnamen Darius und Xerxes zu identifizieren. Damit ist das Fundament gelegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Und darauf bauen Wissenschaftler wie Christian Lassen, Henry Creswicke Rawlinson, Edward Hincks oder Jules Oppert Schritt f\u00fcr Schritt auf. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Behistun-Inschrift auf einem Felsen im Gebiet des heutigen Iran. Wie der Stein von Rosette ist auch sie eine Trilingue: Der Text, in dem sich K\u00f6nig Dareios I. ausf\u00fchrlich selbst preist, liegt in Altpersisch, Elamitisch und Babylonisch vor. Nachdem Rawlinson das altpersische Schriftsystem entziffert hat, sind auch die beiden komplexeren Keilschriften kein Problem mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum gro\u00dfen Finale kommt es in London, und es klingt wie ein Roman-Abschluss von Jules Verne. Da immer noch Zweifel bestehen, ob die Schrift nun tats\u00e4chlich korrekt entschl\u00fcsselt sei, versendet die Royal Asiatic Society die Abschrift eines neu entdeckten assyrischen Texts in versiegelten Umschl\u00e4gen an vier Koryph\u00e4en: an den englischen Arch\u00e4ologen und Linguisten Henry Creswicke Rawlinson, den englischen Fotografen und Universalgelehrten William Henry Fox Talbot, den irischen \u00c4gyptologen und Assyriologen Edward Hincks und den deutsch-franz\u00f6sischen Altorientalisten Jules Oppert. Die vier, die nichts von dem Test wissen, liefern der Society schlie\u00dflich weitgehend \u00fcbereinstimmende Fassungen. Am 25. Mai 1857 verk\u00fcndet die Kommission das offizielle Ergebnis des \u201eGreat Cuneiform Decipherment Test\u201c: Das R\u00e4tsel ist gel\u00f6st.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Hethitisch: Also doch indogermanisch?<\/h2>\n\n\n\n<p>Die Entschl\u00fcsselung der hethitischen Sprache stellt die Forschung vor ein anders geartetes Problem. Ab den 1890er-Jahren werden in Anatolien erste Tontafelfragmente gefunden, die eindeutig dem Hethiter-Reich zuzuordnen sind. Verfasst sind sie in einer Variante der Keilschrift. Die Forscher:innen k\u00f6nnen die Schrift also lesen, aber leider nicht verstehen, da die Sprache selbst unbekannt ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Die L\u00f6sung des R\u00e4tsels gelingt, \u00e4hnlich wie im Fall von Linearschrift B, indem man etablierte Meinungen infrage stellt. Bis hat in der Forschung die Hypothese gegolten, Hethitisch sei keine indogermanische Sprache. Daran kommen schon ab 1902 erste Zweifel auf, aber erst im Jahr 1915 kann der tschechische Linguist Bed\u0159ich Hrozn\u00fd das Gegenteil beweisen. Im ersten Satz, den Hrozn\u00fd \u00fcbersetzen kann, wird das sichtbar: \u201eIhr esst Brot, Wasser aber trinkt ihr.\u201c, \u201eNINDA-an \u0113zzateni, w\u0101dar-ma ekuteni.\u201c Das althochdeutsche <em>ezzan<\/em> und das altniederdeutsche <em>watar<\/em> sind deutlich zu erkennen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Wer wissen m\u00f6chte, <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=kFnTxv5OXMg\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><u>wie Hethitisch (wahrscheinlich) geklungen hat<\/u><\/a>, erf\u00e4hrt es in diesem YouTube-Video.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Entschl\u00fcsselung ausgestorbener Schriftsysteme geh\u00f6rt zum Spannendsten, das die Sprachwissenschaft zu bieten hat. An der Schnittstelle zwischen Arch\u00e4ologie und Linguistik ist es immer wieder zu legend\u00e4ren Durchbr\u00fcchen gekommen. Auf den Durchbruch folgt die Ohnmacht. Als Jean-Fran\u00e7ois Champollion am 14. September 1822 nach jahrelanger erm\u00fcdender Arbeit begreift, dass er die \u00e4gyptischen Hieroglyphen tats\u00e4chlich entziffern kann, l\u00e4uft\u2026<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":33121,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[489,621],"tags":[],"class_list":["post-33120","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-sprachen","category-trends"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.act-translations.com\/de-de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/33120","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.act-translations.com\/de-de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.act-translations.com\/de-de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.act-translations.com\/de-de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.act-translations.com\/de-de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=33120"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.act-translations.com\/de-de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/33120\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":33126,"href":"https:\/\/www.act-translations.com\/de-de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/33120\/revisions\/33126"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.act-translations.com\/de-de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/33121"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.act-translations.com\/de-de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=33120"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.act-translations.com\/de-de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=33120"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.act-translations.com\/de-de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=33120"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}