{"id":34382,"date":"2025-12-19T10:56:23","date_gmt":"2025-12-19T09:56:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.act-translations.com\/?p=34382"},"modified":"2025-12-19T11:26:09","modified_gmt":"2025-12-19T10:26:09","slug":"die-schlimmsten-deutschen-filmtitel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.act-translations.com\/de-de\/die-schlimmsten-deutschen-filmtitel\/","title":{"rendered":"Die 20 schlimmsten deutschen Filmtitel"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Feiertage, Urlaubstage und \u00fcberhaupt die langen Winterabende: Rund um Weihnachten ist die beste Zeit, um sich auf die Couch zu kuscheln und ein paar Filmklassiker zum zweiten, dritten oder auch zehnten Mal anzusehen. Leider gibt es da immer wieder ein Detail, das den Genuss ein wenig st\u00f6rt.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Der Titel ist unser erster Kontakt mit einem Film. Er l\u00f6st sofort Assoziationen aus&nbsp;\u2013 die manchmal auch mit voller Absicht in die Irre f\u00fchren. Regisseure, Studios und Verleih \u00fcberlegen deshalb genau, unter welchen Titeln sie ihre Filme ins Rennen schicken. Die \u00dcbersetzung ins Deutsche macht diesem Ansinnen jedoch erstaunlich oft einen Strich durch die Rechnung.<\/p>\n\n\n\n<p>Die meisten Filme haben ihre Zeit gehabt. Nur wenigen gelingt es, auch noch nach Jahren oder Jahrzehnten zu \u00fcberzeugen. Doch die, die es schaffen, geh\u00f6ren zur Elite: die Filmklassiker. F\u00fcr die \u00dcbersetzung von Filmtiteln ins Deutsche gilt da das Gleiche. Viele sind schlecht gealtert, vor allem, wenn es um die \u00dcbertragung von US-amerikanischen Titeln geht.<\/p>\n\n\n\n<p>Und auch hier gibt es Moden. Sehr fr\u00fch hat sich bei deutschen Verleihern zum Beispiel etabliert, den Originaltitel zwar beizubehalten, ihn aber mit einem Zusatz zu versehen. Offenbar stand dahinter auch das geringe Vertrauen in die Englischkenntnisse der Kinobersucher:innen fr\u00fcherer Jahrzehnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Diesen Kombinationen verdanken wir einige der schlimmsten deutschen Filmtitel. Erinnert sei etwa an\u00a0<em>Alien\u2013 Im Weltraum h\u00f6rt dich niemand schreien, Rashomon\u2013 Das Lustw\u00e4ldchen<\/em> oder <em>The Dark\u2013 Angst ist deine einzige Hoffnung<\/em>. Die Methode, Filmtitel durch Zus\u00e4tze sensationell machen zu wollen, hat eine lange Tradition.<\/p>\n\n\n\n<p>An deutschen \u00dcbersetzungen von Filmtiteln l\u00e4sst sich einiges \u00fcber die Zeit ihrer Entstehung ablesen. Oft zeichnen sie ein recht exaktes Bild der damaligen Gesellschaft.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Zwei glorreiche Halunken<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>(<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=IFNUGzCOQoI\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><u>Il buono, il brutto, il cattivo<\/u><\/a>, Italien\/Spanien 1966)<\/p>\n\n\n\n<p>Der Film von Sergio Leone&nbsp;\u2013 und der letzte Teil seiner Dollar-Trilogie&nbsp;\u2013 l\u00e4sst Clint Eastwood, Eli Wallach und Lee van Cleef zur Entscheidung antreten, wer den lange gesuchten Goldschatz findet. Ein zynischer Film, der drei ann\u00e4hend gleich brutale und gest\u00f6rte Figuren in der Zeit des amerikanischen B\u00fcrgerkriegs aufeinanderhetzt. Der Originaltitel, in der englischen Fassung als <em>The Good, the Bad and the Ugly<\/em> musterg\u00fcltig \u00fcbersetzt, ist ironisch: Alle drei, auch Sympathietr\u00e4ger Eastwood, sind keine Guten in diesem Film.<\/p>\n\n\n\n<p>Der deutsche Titel ist doppelt interessant. Einerseits ist die Reduktion auf zwei Figuren v\u00f6llig willk\u00fcrlich&nbsp;\u2013 im Film stehen die drei gleichberechtigt nebeneinander&nbsp;\u2013 hinzu kommen die unpassenden Begriffe \u201eglorreich\u201c und \u201eHalunken\u201c. Beide wirken durchaus typisch f\u00fcr eine Zeit, die uns Titel wie <em>Ich glaub\u2019 mich knutscht ein Elch!<\/em>&nbsp;bescherte; verniedlichend und zwanghaft humorvoll. W\u00e4hrend der deutsche Titel eher eine Kom\u00f6die suggeriert, hat der Streifen tats\u00e4chlich eine ausgesprochen zynische Story, auch wenn er ohne explizite Gewaltdarstellungen auskommt.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Der wei\u00dfe Hai<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>(<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=U1fu_sA7XhE\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><u>Jaws<\/u><\/a>, USA 1975)<\/p>\n\n\n\n<p><em>Jaws<\/em> ist ein perfekter Titel. Die sprachliche Reduktion auf das furchterregende Gebiss des J\u00e4gers ist einerseits absolut pr\u00e4zise und l\u00e4sst andererseits sofort das Kopfkino anspringen. Vor allem im Zusammenspiel mit dem ikonischen Filmplakat und der nicht weniger ikonischen Musik funktioniert der Ein-Wort-Titel perfekt.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Der wei\u00dfe Hai<\/em> ist kein schlechter deutscher Titel. Er definiert knapp und genau die Handlung des ungebrochen wirkungsvollen Horrorklassikers von Steven Spielberg. Das elegante Niveau des Originaltitels verfehlt er allerdings.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>\u2026 denn sie wissen nicht, was sie tun<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>(<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=HWHH5TwEwtI\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><u>Rebel without a Cause<\/u><\/a>, USA 1955)<\/p>\n\n\n\n<p><em>Rebel without a Cause<\/em>? James Dean hat im Filmklassiker von 1955 gen\u00fcgend Gr\u00fcnde f\u00fcr seine Rebellion. Jugendliche wie sein Jim wurden damals auf Deutsch als Halbstarke bezeichnet. Ihr verzweifelter und oft genug \u00fcber die Str\u00e4nge schlagender&nbsp;Zorn richtete sich im Grunde gegen ihre Zeit. Gegen den Konservatismus, die Bigotterie, die Sprachlosigkeit der Elterngeneration.<\/p>\n\n\n\n<p>Und die schl\u00e4gt mit der \u00dcbersetzung hart zur\u00fcck. Der Titel reflektiert die ganze Verachtung gegen\u00fcber dem Treiben der Jugendlichen und gleichzeitig die Weigerung, \u00fcber deren komplizierte Gr\u00fcnde nachzudenken. Moralisch \u00fcberh\u00f6ht wird dieser Ansatz durch die Anspielung auf das Lukasevangelium, in dem Christus am Kreuz Gott darum bittet, seinen Folterern zu vergeben.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Entscheidung f\u00fcr den Titel mag mit dem Versuch zu tun gehabt haben, nach <em>Jenseits von Eden <\/em>mit einem weiteren Bibelzitat zu re\u00fcssieren. Dennoch wussten die verantwortlichen \u00dcbersetzer:innen wohl genau, was sie taten.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Hi-Hi-Hilfe!<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>(<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=LtWQ428GaoQ\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><u>Help!<\/u><\/a>, Gro\u00dfbritannien 1965)<\/p>\n\n\n\n<p>Mit <em>Help!<\/em> erschien 1965 der zweite Beatles-Spielfilm nach <em>Yeah Yeah Yeah<\/em>. Man muss den damaligen \u00dcbersetzer:innen zugutehalten, dass der titelgebende Song als Teil des Soundtracks erst nach Erscheinen des Films zu einem Welthit wurde.&nbsp;Was sie allerdings dazu trieb, den simplen Titel derartig zu verst\u00fcmmeln, bleibt unbekannt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ebenso ist nicht \u00fcberliefert, ob die Beatles selbst die \u00dcbersetzung kannten. Da die Dreharbeiten nach \u00fcbereinstimmenden Aussagen der vier Musiker von exzessivem Marihuana-Konsum begleitet waren, kann man vermuten, dass sie es lustig gefunden h\u00e4tten.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Die zw\u00f6lf Geschworenen<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>(<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=TEN-2uTi2c0\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><u>12 Angry Men<\/u><\/a>, USA 1957)<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Paraderolle f\u00fcr Henry Fonda. Und der Paradefilm des aufkeimenden liberalen Hollywood. Fonda und elf weitere (wei\u00dfe) Geschworene m\u00fcssen im Fall eines dunkelh\u00e4utigen Jugendlichen entscheiden, der wegen Mordes angeklagt ist. W\u00e4hrend alle Juroren ohne Diskussion auf schuldig pl\u00e4dieren wollen, meldet Fonda Bedenken an. Und er schafft es, einen nach dem anderen davon zu \u00fcberzeugen, dass im Zweifel f\u00fcr den Angeklagten zu entscheiden ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Originaltitel ist in zweifacher Hinsicht interessant. Einerseits benennt er durchaus wertend die Motivation der Geschworenen: Sie sind zornig, getrieben von Vorurteilen gegen alles, was sie als fremd empfinden, und daher nicht in der Lage, ihrer Pflicht als Geschworene korrekt nachzukommen. Zugleich nennt der Titel aber nicht elf, sondern alle zw\u00f6lf. Ein Hinweis darauf, dass Fonda zun\u00e4chst seine eigenen Vorurteile \u00fcberwinden muss, um gerecht zu handeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Hinweise, von denen der brave deutschsprachige Titel nichts \u00fcbrigl\u00e4sst. Vielleicht auch ein Zeichen der Zeit, als Obrigkeiten in Deutschland und \u00d6sterreich selbst in Filmtiteln als solche behandelt wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Und ein Detail am Rande: Die ausgezeichnete Idee, Henry Fondas Protagonist bis zum Schluss namenlos zu belassen, wurde in der deutschen Synchronfassung ohne Not eliminiert.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Onkel Paul, die gro\u00dfe Pflaume<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>(<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=NmcJAbceXWw\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><u>Hibernatus<\/u><\/a>, Frankreich\/Italien 1969)<\/p>\n\n\n\n<p>Der grandiose Komiker, Clown und unerreichte Meister der Hektik Louis de Fun\u00e8s genie\u00dft im deutschsprachigen Raum den Ruf eines oberfl\u00e4chlichen Spa\u00dfmachers. Ein Fehlurteil, das sehr viel mit \u00dcbersetzung zu tun hat. Der Spross einer spanischen Adelsfamilie hatte weit mehr zu bieten, als Synchronisation und Titel seiner Filme hierzulande vermuten lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Filme entstanden in einer Zeit, als sich in deutschen Synchronstudios l\u00e4ngst die Unsitte durchgesetzt hatte, intelligenten Humor in platte Bl\u00f6deleien zu \u00fcbersetzen. <em>Hibernatus<\/em> \u2013 also <em>Der Winterschl\u00e4fer<\/em> \u2013 reiht sich in eine lange Reihe von de Fun\u00e8s-Titeln ein, die heute eher nach Schmerzen klingen als nach Humor.<\/p>\n\n\n\n<p>Fun Fact: Nur in der DDR lief der Streifen unter dem Titel <em>Der Winterschl\u00e4fer<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Spiel mir das Lied vom Tod<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>(<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=c8CJ6L0I6W8\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><u>Once Upon a Time in the West<\/u><\/a>, USA 1968)<\/p>\n\n\n\n<p>Der Titel ist ein Zitat aus dem Film. Genauer gesagt: aus der deutschen Fassung, die hier wie an vielen anderen Stellen ohne erkennbaren Grund Dialogzeilen hinzuerfunden hat. Der Satz f\u00e4llt in einer Szene, die erkl\u00e4rt, warum Charles Bronson auf blutige Rache aus ist \u2013 und das ist tats\u00e4chlich ein Hauptstrang der Geschichte.<\/p>\n\n\n\n<p>Der epische, fast drei Stunden lange Film von Sergio Leone ist aber viel mehr. Leone entwirft ein grandioses Bild der Zeit, in der Pionier:innen begannen, den S\u00fcdwesten der USA zu erschlie\u00dfen. Er erz\u00e4hlt von Schuld und Bedauern, von Treue und Verrat, von Liebe und entt\u00e4uschten Hoffnungen. Und eben auch von Rache.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Spiel mir das Lied vom Tod<\/em> ist ein typischer Vertreter jener Filmtitel, die sensationell wirken wollen. Bei Meisterwerken wie diesem besonders unn\u00f6tig.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Der Stadtneurotiker<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>(<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=OqVgCfZX-yE\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><u>Annie Hall<\/u><\/a>, USA 1977)<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem <em>Stadtneurotiker<\/em> begr\u00fcndete Woody Allen auch hierzulande endg\u00fcltig seinen Ruf als Darsteller hochneurotischer, hochgebildeter Figuren, die sich in gro\u00dfartigen Dialogen \u00fcber Tiefenpsychologie und Philosophie, Kreativit\u00e4t und Kunst \u2013 und nat\u00fcrlich Sex \u2013 ergehen. Insofern ist der deutsche Titel gelungenes Marketing.<\/p>\n\n\n\n<p>Der originale Titel <em>Annie Hall<\/em> richtet den Fokus aber nicht auf den Regisseur und Hauptdarsteller, sondern auf die von Diane Keaton gespielte weibliche Hauptfigur. Die ist im Film mindestens ebenso spannend und neurotisch, fiel aber im Titel der \u00dcbersetzung zum Opfer.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>H\u00e4ngt ihn h\u00f6her<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>(<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=FtxTu-NTebg\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><u>Hang &#8218;em High<\/u><\/a>, USA 1968)<\/p>\n\n\n\n<p>Beim deutschen Titel dr\u00e4ngt sich der Verdacht auf, dass die Beteiligten weder den Film kannten noch besonders sattelfest in der englischen Sprache waren. Die w\u00f6rtliche \u00dcbersetzung des englischen Titels lautet&nbsp;<em>H\u00e4ngt sie auf<\/em>, der Komparativ ist also falsch.<\/p>\n\n\n\n<p>Zudem lenkt der Titel die Aufmerksamkeit in die falsche Richtung. Clint Eastwood spielt hier einen Unschuldigen, der einen Lynch-Versuch \u00fcberlebt und die T\u00e4ter in der Folge \u2013 nun als Marshall \u2013 sukzessive, nun ja, der Gerechtigkeit zuf\u00fchrt. Der Originaltitel beschreibt also den Inhalt des Films: die Jagd nach den T\u00e4tern. Sein deutsches Pendant beschreibt, was die Zuseher:innen schon nach f\u00fcnf Minuten wissen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Beim Sterben ist jeder der erste<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>(<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=sckWeXMLsac\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><u>Deliverance<\/u><\/a>, USA 1972)<\/p>\n\n\n\n<p>John Boormans Klassiker <em>Deliverance<\/em> ist ein wunderbares Beispiel f\u00fcr mehrdeutige Betitelung. Denn Erl\u00f6sung ist hier eine Frage der Definition. Vier ausgewiesene Stadtmenschen \u2013 John Voight, Burt Reynolds, Ned Beatty und Ronny Cox \u2013 wollen sich selbst und einander ihre M\u00e4nnlichkeit beweisen und brechen zu einer Kanufahrt in der amerikanischen Ein\u00f6de auf. Sie geraten in einen Strudel der Gewalt, den nicht alle \u00fcberleben werden. Und auch die traumatisiert \u00dcberlebenden haben sich schuldig gemacht.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Beim Sterben ist jeder der erste<\/em> ist nicht nur in sich selbst eine eigenartige Aussage \u2013 der rei\u00dferische deutsche Titel schafft es auch, jede Doppelb\u00f6digkeit zu eliminieren. John Boorman und sein Film h\u00e4tten deutlich mehr verdient.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Cocktail f\u00fcr eine Leiche<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>(<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=8xkQoH8QbVs\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><u>Rope<\/u><\/a>, USA 1948)<\/p>\n\n\n\n<p>Zwei arrogante junge M\u00e4nner haben ihren Nietzsche falsch verstanden. Sie begehen einen vermeintlich perfekten Mord, um zu beweisen, dass intellektuelle \u00dcberlegenheit dazu berechtigt. Auch Dostojewski l\u00e4sst gr\u00fc\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Kr\u00f6nung ihres Erfolges verstauen sie die Leiche des eher zuf\u00e4llig ausgew\u00e4hlten Opfers in einer Truhe, auf der sie das Buffet f\u00fcr eine Party aufbauen. Ihr ehemaliger Lehrer (James Stewart) ist ebenfalls eingeladen, und er deckt den Mord schlie\u00dflich auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Alfred Hitchkock hat dem Film mit <em>Rope<\/em> einen passend k\u00fchlen Titel gegeben. Der Streifen lebt nicht nur von Krimi-Spannung, sondern ebenso von den moralphilosophischen Dialogen. <em>Cocktail f\u00fcr eine Leiche<\/em> verweist eher auf eine Krimikom\u00f6die, und das ist <em>Rope<\/em>&nbsp;nun wirklich nicht.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Die durch die H\u00f6lle gehen<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>(<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=g7q1SjVdsNk\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><u>The Deer Hunter<\/u><\/a>, USA 1978)<\/p>\n\n\n\n<p><em>The Deer Hunter<\/em> z\u00e4hlt zu den wenigen Antikriegsfilmen, die sich wirklich so nennen d\u00fcrfen. Drei junge M\u00e4nner \u2013 Robert de Niro, Christopher Walken und John Savage \u2013 melden sich freiwillig f\u00fcr den Einsatz im Vietnamkrieg. Was sie dort erleben, wird einen von ihnen t\u00f6ten und die beiden anderen schwer traumatisiert zur\u00fcckkehren lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als einer der wenigen Filme zum Thema spielt <em>The Deer Hunter<\/em> \u00fcberwiegend nicht im Dschungel Vietnams, sondern in den USA. Die gemeinsame Liebe der drei M\u00e4nner zur Jagd spiegelt sich im Originaltitel, der den Fokus bewusst nicht auf den Kriegsschauplatz legt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der deutsche Titel ist nicht nur sprachlich seltsamm, vor allem richtet er den Blick genau dorthin, wo Regisseur Michael Cimino ihn nicht haben wollte.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Der Dummschw\u00e4tzer<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>(<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=C1no75lpOiw\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><u>Liar Liar<\/u><\/a>, USA 1997)<\/p>\n\n\n\n<p>An Jim Carrey scheiden sich die Geister. Manche halten ihn einfach nur f\u00fcr anstrengend, andere sehen in ihm den w\u00fcrdigen Nachfolger des gro\u00dfen Jerry Lewis, auf dessen Vorbild sich der Schauspieler beruft. In <em>Liar Liar<\/em> spielt Carrey einen Rechtsanwalt, der pl\u00f6tzlich nicht mehr l\u00fcgen kann. Die sich daraus ergebenden Peinlichkeiten dekliniert Carrey mit gewohnt \u00fcberdrehtem Humor und exzessiver Mimik.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer auch immer auf die Idee kam, dem Film seinen neuen Titel zu verpassen, hat nicht nur eine der schlechtesten Traditionen fr\u00fcherer \u00dcbersetzungs-Zeiten wiedererweckt: Er oder sie hat auch nicht verstanden, dass es hier um alles andere geht als um dummes Geschw\u00e4tz.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Augen der Angst<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>(<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=JMNjGhvWIfI\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><u>Peeping Tom<\/u><\/a>, Gro\u00dfbritannien 1960)<\/p>\n\n\n\n<p><em>Peeping Tom<\/em> hat gleich zwei Karrieren vernichtet. Regisseur Michael Powell wurde danach von der Branche gemieden, und auch Hauptdarsteller Karlheinz B\u00f6hm bekam viele Jahre lang keine Angebote mehr. Dass der langweilige Franzl aus den <em>Sissi<\/em>-Filmen pl\u00f6tzlich ein sexuell motivierter Serienkiller sein sollte, war offenbar inakzeptabel. Erst lange nach seiner Entstehung wurde <em>Peeping Tom<\/em> als Meisterwerk akzeptiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Die erste deutsche Synchronfassung bem\u00fchte sich redlich, dem Film die schlimmsten Spitzen zu nehmen. Und auch <em>Augen der Angst<\/em> vermeidet offensichtlich, den Kern des Films zu benennen: Sonst m\u00fcsste er so einfach wie konkret <em>Spanner<\/em> lauten.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Vertigo \u2013 Aus dem Reich der Toten<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>(<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=UHhsEYDg8GI\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><u>Vertigo<\/u><\/a>, USA 1958)<\/p>\n\n\n\n<p>Mit <em>Vertigo<\/em> drehte Alfred Hitchcock einen Klassiker des surrealistischen Kinos. Zugleich zeigt der Film deutliche Spuren von Hitchcocks Faszination f\u00fcr Sigmund Freud \u2013 \u00fcberdeutliche vielleicht, denn das Herunterbrechen der Psychoanalyse auf Hollywood-Format wirkt aus heutiger Sicht doch etwas banal.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Originaltitel reiht sich nicht nur in die Liste der Ein-Wort-Titel Alfred Hitchcocks ein (siehe\u00a0<em>Marnie, Rebecca, Spellbound, Psycho<\/em> und weitere), er spiegelt auch den psychologischen Grundton des Films: H\u00f6henangst ist eine der verbreitetsten Phobien.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein weiterer Titel, den die \u00dcbersetzer:innen in seiner Uneindeutigkeit nicht f\u00fcr sich selbst sprechen lassen wollten. Stattdessen erfanden sie einen Zusatztitel, der wunderbar zu einem Film von George A. Romero passen w\u00fcrde \u2013 der Intention des grandiosen <em>Vertigo<\/em> aber bestimmt nicht gerecht wird.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Zombies im Kaufhaus<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>(<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=Y_EviQj5tvA\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><u>Dawn of the Dead<\/u><\/a>, USA\/Italien 1978)<\/p>\n\n\n\n<p>Apropos George A. Romero: Als er 1968&nbsp;<em>Night oft he Living Dead<\/em> abgeschlossen hatte, wusste er wohl noch nicht, dass er soeben einen unsterblichen Klassiker des Splatter-Genres geschaffen hatte. Zehn Jahre danach folgte mit <em>Dawn of the Dead<\/em> das erste von mehreren Sequels \u2013 genauso ausufernd brutal und ebenso witzig. Der Film ist heute Teil der Sammlung des New Yorker Museum of Modern Arts.<\/p>\n\n\n\n<p>In Deutschland verpasste man dem Streifen einen Titel, der typisch ist f\u00fcr seine Zeit. Offenbar traute man den Kinobesucher:innen nicht zu, mit Sprachbildern, Anspielungen oder Metaphern umzugehen \u2013 mit allem also, das nicht unmittelbar erkl\u00e4rte, worauf man sich einzustellen hatte. Und so verteilte man Filmtitel, die das nachholten. <em>Zombies im Kaufhaus<\/em> ist einer der \u00fcbelsten Vertreter dieser Gattung.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Edipo Re \u2013 Bett der Gewalt<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>(<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=qcSwIU_pCYE\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><u>Edipo Re<\/u><\/a>, Italien\/Marokko 1967)<\/p>\n\n\n\n<p>Pier Paolo Pasolini war der personifizierte Skandal: Homosexueller, Marxist, Atheist. Und Regisseur von Filmen, die sich mit Mythologie, Religion und sozialen Missst\u00e4nden auseinandersetzen \u2013 mehr brauchte man nicht, um im Europa der 60er- und 70er-Jahre permanent f\u00fcr Alarm zu sorgen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit <em>Edipo Re<\/em> nimmt Pasolini den antiken \u00d6dipus-Mythos auf, die Geschichte vom schuldlos schuldig werdenden Mann, der mit seiner Mutter schl\u00e4ft und seinen Vater t\u00f6tet. Ein vertracktes Werk, das den antiken Stoff \u00fcber zwei parallele Ebenen in die (politische) Gegenwart des Italiens der 1960er-Jahre bringt.<\/p>\n\n\n\n<p>Da die \u00dcbersetzer:innen den Skandal in diesem Fall nicht kaschieren konnten, setzten sie auf Verst\u00e4rkung. Und verpassten <em>Edipo Re<\/em> einen Zusatztitel, der einem Pornofilm zur Ehre gereicht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Eine Frage der Ehre<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>(<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=iIaAL7JTEgE\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><u>A Few Good Men<\/u><\/a>, USA 1992)<\/p>\n\n\n\n<p>Ein zweifelhafter Todesfall in einem St\u00fctzpunkt der US-Marines. Und zwei Ermittler (Tom Cruise und Demi Moore), die auf eisernes Schweigen und einen Ehrenkodex treffen, der keine Abweichung duldet.<\/p>\n\n\n\n<p>Kevin Bacon, Kiefer Sutherland und der bemerkenswert furchteinfl\u00f6\u00dfende Jack Nicholson liefern den beiden ein sehenswertes Duell um die Frage, wie weit Pflichterf\u00fcllung gehen darf und wann sie unmoralisch wird.<\/p>\n\n\n\n<p><em>A Few Good Men<\/em> ist ein f\u00fcr Hollywood-Verh\u00e4ltnisse ungewohnt sarkastischer Titel. Denn in den Augen des Ehrenkodex handelt es sich bei den T\u00e4tern ja tats\u00e4chlich um gute M\u00e4nner. <em>Eine Frage der Ehre <\/em>hingegen ist so beliebig, dass man jeden zweiten Film so betiteln k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>H\u00fcgel der blutigen Augen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>(<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=pzLfsql1Yvc\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><u>The Hills Have Eyes<\/u><\/a>, USA 1977)<\/p>\n\n\n\n<p><em>The Hills Have Eyes<\/em> von Wes Craven ist einerseits ein absurd \u00fcberzeichnetes Splatter-Movie. Andererseits aber ein meisterhaftes Spiel mit menschlichen Ur\u00e4ngsten und voll von gesellschaftspolitischen Anspielungen.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Einsamkeit der kalifornischen W\u00fcste bekommt es eine amerikanische Durchschnittsfamilie mit Angreifern zu tun, die infolge fr\u00fcherer Atomtests grausam mutiert und verst\u00fcmmelt sind. Der Originaltitel legt seinen Fokus aber nicht auf die exzessive Gewalt, sondern auf das Gef\u00fchl, beobachtet zu werden, das den gesamten Film unangenehm durchzieht. Beim deutschen Titel ist man da lieber auf Nummer Sicher gegangen.<\/p>\n\n\n\n<p>Fun Fact: In einer deutsche Synchronfassung wurden aus den Gegnern Au\u00dferirdische. Die deutliche Kritik an der atomaren R\u00fcstung war wohl unerw\u00fcnscht.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>King Kong und die wei\u00dfe Frau<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>(<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=PbrikL8IjXM\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><u>King Kong<\/u><\/a>, USA 1933)<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Abschluss der Methusalem unter den Beispielen. Als im Jahr 1933 <em>King Kong<\/em> in die Kinos kam \u2013 der Urahn gef\u00fchlt unendlich vieler Neuverfilmungen und Fortsetzungen \u2013, wurde er nicht nur wegen seiner f\u00fcr die damalige Zeit herausragenden Tricktechnik zum Kassenschlager.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Film war dar\u00fcber hinaus ein veritabler Skandal. Auch vor bald hundert Jahren verstanden ihn wohl die meisten Besucher:innen als Allegorie auf tabuisierte sexuelle W\u00fcnsche. Ein Faktor, den die deutschen \u00dcbersetzer (man darf vermuten, dass es M\u00e4nner waren) mit <em>King Kong und die wei\u00dfe Frau<\/em> nicht nur betont haben \u2013 sie verga\u00dfen auch nicht, eine deutliche Prise Rassismus hinzuzuf\u00fcgen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Feiertage, Urlaubstage und \u00fcberhaupt die langen Winterabende: Rund um Weihnachten ist die beste Zeit, um sich auf die Couch zu kuscheln und ein paar Filmklassiker zum zweiten, dritten oder auch zehnten Mal anzusehen. 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