Medizinische und pharmazeutische Texte zählen zu den heikelsten Aufgaben, denen sich Übersetzer:innen stellen. Schon kleine Ungenauigkeiten können schlimme Folgen haben. Sechs Kriterien, nach denen Unternehmen den richtigen Partner für diesen Job finden.
Der tragische Fall wird immer wieder zitiert – was angesichts der schlimmen Folgen nicht erstaunt. In den 1980er-Jahren brachten Familienmitglieder einen bewusstlosen jungen Mann in ein Krankenhaus in Florida. Die nur Spanisch sprechenden Verwandten sprachen gegenüber dem behandelnden Arzt von „intoxicado“, womit sie „vergiftet“ meinten. Der interpretierte den Begriff allerdings als „berauscht“ und verzichtete sowohl auf professionelle Übersetzung als auch auf eingehende Untersuchung des Patienten. Die Folge: Nachdem der junge Mann tagelang wegen einer vermeintlichen Überdosis falsch behandelt worden war, führte die tatsächlich für seinen Zustand verantwortliche Gehirnblutung zur Querschnittslähmung.
Derart massive Folgen durch Übersetzungsfehler sind zum Glück selten. Man muss jedoch davon ausgehen, dass sprachliche Missverständnisse im medizinischen Bereich immer wieder negative Auswirkungen auf Patientinnen und Patienten haben können. Nur eben unterhalb der Schwelle, die sie für Medien interessant machen.
6 Kriterien: Diese Expertise sollten Sie einfordern
Die enorme Verantwortung, die Fachübersetzer:innen von medizinischen Texten übernehmen, muss nicht erklärt werden. Auch wenn es nicht immer um Leben oder Tod geht – um die Gesundheit von Menschen geht es in jedem Fall.
Und zu übersetzen gibt es viel: Befunde, Patientenunterlagen, Studien, Forschungsergebnisse, pharmazeutische Beipackzettel, Handbücher für Medizingeräte, Zulassungsansuchen und viele andere Dokumente mehr. Völlig unbestritten ist, dass maschinelle Übersetzung hier keine Option sein kann. Die medizinische Fachsprache ist viel zu speziell und der Kontext für die Künstliche Intelligenz viel zu schwierig zu erkennen, um ihr diese Verantwortung auch nur ansatzweise übertragen zu dürfen.
Doch woran erkennt man, dass ein Übersetzungsdienstleister für diese heikle Aufgabe der richtige ist? Was müssen spezialisierte Übersetzungsprofis können, um sich medizinische Übersetzung zutrauen zu können? Wir haben die wichtigsten Kriterien zusammengefasst.
- Die Sprache der Medizin sprechen
Jeder Fachbereich hat seine eigene Sprache. Dass das insbesondere auf die Medizin und die Pharmazie zutrifft, ist bekannt und nicht zuletzt Quelle von Anekdoten und Witzen. Für die Übersetzer:innen von medizinischem Material bedeutet das: Sie müssen über die exzellente Kenntnis der Zielsprache hinaus auch präzises Wissen über die sehr spezielle Terminologie haben.
Und die ist durchaus in Bewegung: Parallel zu den wissenschaftlichen Fortschritten entwickelt sich auch die Sprache weiter, es kommen neue Begriffe hinzu und alte werden durch treffendere ersetzt oder überhaupt obsolet. Die Übersetzerinnen und Übersetzer müssen zwar nicht Medizin studiert haben, aber medizinische Zusammenhänge verstehen und aktuelle Entwicklungen verfolgen.
- Auch die benachbarten Themen beherrschen
Medizinische Texte tangieren oft auch andere Fachgebiete. In erster Linie geht es um rechtliche und regulatorische Compliance: Unterlagen wie Arzneimittelzulassungen oder Gerätezertifizierungen müssen nicht nur inhaltlich korrekt sein, sondern auch lokale und internationale Vorschriften erfüllen. Das ist zunächst eine Bringschuld der Auftraggeber, doch bei Übersetzungen brauchen sie einen Partner, dem die juristischen Gegebenheiten im Zielland der Übersetzung bekannt sind.
Überall dort, wo Patientendaten involviert sind, kommt das Thema Datenschutz hinzu. Bei medizinisch-technischen Geräten braucht korrekte Übersetzung auch die Kenntnis technischer Termini. Mit anderen Worten: Medizinische Übersetzung bedarf nicht nur medizinischer Kenntnisse. Da die unterschiedlichen Anforderungen nicht immer in Personalunion erfüllt sein können, ist ein starkes interdisziplinäres Team ein wichtiges Kriterium bei der Wahl des Übersetzungsbüros.
- Übersetzer:innen mit kultureller Sensibilität
Medizinische Themen betreffen die höchstpersönliche Sphäre, dementsprechend sensibel sind sie auch sprachlich zu behandeln. Unterschiedliche Kulturen haben verschiedene Arten entwickelt, darüber zu sprechen und zu schreiben. In Europa und den USA ist es üblich, sich relativ offen über medizinische Themen auszutauschen, aber das passt nicht überall. Vor allem bei der Kommunikation in Richtung der Patient:innen muss medizinische Übersetzung darauf Rücksicht nehmen. Klassische Beispiele sind hier etwa die Themen Gynäkologie und Geburtshilfe oder auch psychische Erkrankungen.
Unterschiedliche kulturelle Sensibilitäten sind dabei keineswegs nur grenzüberschreitend zu sehen: In jedem Land mit einem gewissen Anteil an Migrant:innen entsteht schon der Bedarf an Übersetzungen von Befunden. In die Gegenrichtung gilt das Gleiche: Manchmal werden Symptome nur verklausuliert geschildert, und es ist Aufgabe guter Übersetzer:innen oder Dolmetscher:innen, sie richtig zu deuten. Das zu bewältigen, ohne jemanden zu kompromittieren, mag vielleicht nur die Kür sein, aber auch an ihr erkennt man echte Profis.
- Genauigkeit gegenüber den Zielgruppen
Nicht jede medizinische Unterlage richtet sich an Fachleute. Manches muss auch für komplette Laien verständlich sein – wie etwa Beipacktexte zu Medikamenten. An einer kaum lesbaren Fünf-Punkt-Schrift können auch Übersetzer:innen nichts ändern, sehr wohl aber haben sie in der Hand, ob auch wenig gebildete Menschen verstehen werden, wie sie mit einem Medikament richtig umgehen sollen. Auch hier greift also sprachliche Sensibilität.
- Kluge maschinelle Unterstützung
Machine Translation durch KI ist im Bereich der medizinischen Übersetzungen ein No-go. Andere Technologien hingegen können auch hier äußerst nützlich sein. Ein Translation Memory zum Beispiel, eine elaborierte Art von Glossar: Wird die Fachübersetzung eines Begriffs oder einer Phrase aus dem Ausgangstext einmal als zutreffend definiert, erhalten die Übersetzer:innen automatisch einen entsprechenden Vorschlag, sobald Begriff oder Phrase wieder auftauchen. Der Effekt: Zeitersparnis, damit verbunden auch geringere Kosten und nicht zuletzt die Gewissheit, dass die Übersetzung einheitlich gerät.
Hilfreich sind auch Terminologie-Datenbanken, in denen Fachbegriffe in der Ausgangs- und Zielsprache einander klar zugeordnet sind. Viele Auftraggeber verfügen selbst über solche Glossare. Im Idealfall integriert der Dienstleister diese Vorgaben in seine Arbeit und erweitert die Datenbank bei Bedarf gemeinsam mit seinem Kunden.
- Medizinische Übersetzung mit Erfolgsnachweis
Zwei weitere Kriterien gelten immer, unabhängig davon, was übersetzt werden soll: Bei Übersetzungsdienstleistern, die nicht durch ISO 9001 und ISO 17100 zertifiziert sind, sollte man vorsichtig sein. Und letztlich geht es immer auch um die persönliche Chemie und um authentische Empfehlungen.