Diese Übersetzungen haben die Weltgeschichte verändert

Wer ein Buch übersetzt, erweitert dessen Leserkreis schlagartig. Einige wenige Übersetzungen gehen darüber hinaus: Sie haben den Lauf der Geschichte beeinflusst. Hier sind zehn Beispiele.

Sie exportieren Philosophie, sie befeuern politische Bewegungen, sie hinterlassen Spuren in der Kunst und in der Sprache. Bücher können all das schaffen, aber manchmal sind es Übersetzerinnen und Übersetzer, die den entscheidenden Impuls sicherstellen. Wir haben zehn dieser Meilensteine in der Geschichte der Übersetzung gesammelt.

Die Septuaginta ins Griechische

Die Übersetzung der Tora beziehungsweise der hebräisch-aramäischen Bibel vom Hebräischen ins Griechische beginnt vor rund 2.300 Jahren. Sie geschieht überwiegend in Alexandria. Die anonymen Übersetzer machen die jüdischen Schriften und ihr Gedankengut damit nicht nur den griechisch sprechenden Juden zugänglich, sondern auch den gebildeten Griechen und später den Römern.

Die Septuaginta spannt eine Brücke zwischen der jüdischen und der griechischen Kultur, und sie ist ein massiver Treiber des Monotheismus: Für die Entwicklung des frühen Christentums ist das Vorliegen einer griechischen Bibel entscheidend, da sie seine Verbreitung im hellenistischen Raum erst möglich macht.

Als wichtige Basis für die lateinische Vulgata des Hieronymus steht sie zudem hinter der mittelalterlichen Bibeltradition. Die Wirkung geht jedoch über die Theologie weit hinaus. Die Septuaginta hat Einfluss auf die europäische Philosophie, die Ethik und auch das Rechtssystem – letztlich also auf die gesamte Kultur und Politik Europas.

Buddhistische Texte ins Chinesische

Die ersten buddhistischen Texte werden ab ungefähr 200 vor unserer Zeit von Sanskrit ins Chinesische übersetzt. Zwischen dem 4. und dem 10. Jahrhundert entstehen sukzessive die wichtigsten Übersetzungen.

Die Texte haben einen starken Einfluss auf die chinesische Kultur und das religiöse Umfeld: Der Buddhismus entwickelt sich zu einer der drei großen Lehren neben Daoismus und Konfuzianismus. Architektur und Kunst wurden davon ebenso beeinflusst wie die Philosophie – Zen beispielsweise ist aus dem Buddhismus abgeleitet.

Die Integration des Buddhismus in die chinesische Kultur ist letztlich die Quelle für eine gemeinsame kulturelle Basis ostasiatischer Staaten wie China, Japan, Korea oder Vietnam.

Der Koran

Die Folgen der Koran-Übersetzungen aus dem Arabischen haben deutliche Parallelen zur Übersetzung der Septuaginta ins Griechische. Auch hier kommt es zu massiven historischen, religiösen und kulturellen Auswirkungen.

Rund hundert Jahre lang gibt es keine Übersetzungen, denn der Koran gilt ja als unübersetzbares Wort Gottes. Ab dem 8. Jahrhundert erscheinen jedoch erste Übertragungen ins Persische und Türkische. Erst im 12. Jahrhundert folgt eine Übersetzung ins Lateinische, wobei deren Titel „Das Gesetz des Lügenpropheten Mohammed“ ihre fragwürdige Intention klar macht. Ab dem 16. Jahrhundert gibt es Übersetzungen ins Französische, Englische und Deutsche, doch die ersten wissenschaftlich korrekten Koran-Übersetzungen, die auf Polemik verzichten, folgen erst im 19. Jahrhundert.

Ähnlich wie bei der Septuaginta tragen auch die Übersetzungen des Koran wesentlich dazu bei, eine Religion zu verbreiten. Frühe Versionen in Urdu, Swahili oder Malaiisch zum Beispiel fördern die Ausbreitung in Asien und Afrika. Ein anderer Effekt erinnert ein wenig an jenen der Luther-Bibel: Da Muslime den Koran nun in ihrer eigenen Sprache lesen können, kommt es auch zu Reformbewegungen und Spannungen mit den traditionellen islamischen Gelehrten.

In Europa öffnet sich mit den wissenschaftlichen Übersetzungen der späteren Zeit jedenfalls ein dritter Weg zwischen faktenfreier Faszination für das Exotische und polemischer Ablehnung des Fremden: die ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Islam.

Aristoteles ins Arabische

Im Jahr 825 gründet Kalif al-Ma’mūn in Bagdad das „Haus der Weisheit“, eine Akademie, in der Gelehrte wissenschaftliche und philosophische Übersetzungen ins Arabische anfertigen. Unter anderem bearbeiten die Übersetzer die Werke von Aristoteles; und erweisen der Welt damit einen unschätzbaren Dienst!

Denn Aristoteles ist in Europa in dieser Zeit kurz davor, in Vergessenheit zu geraten. Ab dem 12. Jahrhundert kommt es jedoch zu einem Reimport: Die Schriften des griechischen Philosophen gelangen über Spanien und Sizilien zurück nach Europa und werden hier ins Lateinische übertragen.

Nur durch diesen Umweg bleiben Aristoteles’ Logik und Metaphysik erhalten. Sie bilden das Fundament der Scholastik und letztlich der Renaissance und der modernen Wissenschaft. Gleichzeitig beeinflussen die Schriften aber auch den islamischen Raum: Sie führen dort zur Blüte von Astronomie, Medizin und Mathematik und haben sogar Auswirkungen auf die islamische Theologie.

Die Übersetzer in Bagdad leisten also viel mehr, als ein paar Bücher über die Zeit zu retten. Sie erhalten eine weltweit gültige intellektuelle Basis und stehen an der Wiege der modernen Wissenschaften.

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Die Bibel ins Deutsche

Martin Luther hat gute Gründe, sich unter falschem Namen auf der Wartburg zu verstecken. Dem unter Kirchenbann stehenden Theologen und Augustinermönch ist zwar klar, dass seine Übersetzung der Bibel ins Deutsche einen Skandal auslösen wird, die tatsächlichen Folgen seiner Arbeit kann jedoch auch er nicht ahnen.

1522 erscheint das Neue Testament erstmals auf Deutsch und 1534 vollendet Luther die Übersetzung der kompletten Bibel. Die Provokation ist intendiert: Die Kirche hat bis dahin streng darauf geachtet, dass die komplette Bibel nur in Latein verfügbar ist, was den gebildeten Theologen die Deutungshoheit sichert. Luther sendet mit seiner Übersetzung ein unerhörtes Signal: Das Wort Gottes sollte allen gehören, und alle sollten es ohne Vermittlung der Kirche lesen und verstehen dürfen. Die Idee des Priestertums aller Getauften ist ein zentraler Antrieb der Reformation mit all ihren bekannten historischen Folgen.

Zugleich ist die Luther-Bibel ein Meilenstein in der Entwicklung der deutschen Sprache. Sie bringt das Frühneuhochdeutsche auf eine neue Ebene, indem sie eine einheitliche, verständliche deutsche Standard-Schriftsprache schafft. Grammatik und Wortschatz sind bis heute von Luther geprägt. Perlen vor die Säue werfen; der Wolf im Schafspelz; sein Licht unter den Scheffel stellen; die Spreu vom Weizen trennen – Luthers kraftvolle Sprache hat es auch bis in heutige Redewendungen geschafft.

Martin Luther sorgt nicht zuletzt auch für einen enormen Schub bei Alphabetisierung und Bildung im gesamten Volk. Seine Bibelübersetzung führt zu einer explosionsartigen Entwicklung des schon seit hundert Jahren bekannten modernen Buchdrucks. Lesen entwickelt sich generell zu einer Schlüsselkompetenz der Bildung. Letztlich beeinflusst Luthers Bibelübersetzung auch andere Sprachen: Das Übersetzen in Volkssprachen wird in der Folge in ganz Europa zunehmend populär.

Die Principia ins Französische

Sir Isaac Newton schreibt selbstverständlich auf Latein. Seine 1687 veröffentlichten „Philosophiae Naturalis Principia Mathematica“, in denen er die Erkenntnisse von Galileo und Kepler zu einer gänzlich neuen Ebene der Physik weiterentwickelt, bleiben damit zunächst einer gebildeten Elite vorbehalten.

Das ändert sich erst sieben Jahrzehnte später. 1759 erscheinen die „Principia“ auf Französisch, und es handelt sich nicht nur um eine sprachlich qualitativ hochwertige Übersetzung, sondern um eine kommentierte Ausgabe, die die komplizierten Gedankengänge Newtons auch für Nicht-Physiker verständlich macht.

Die französische Version hat nicht nur enorme Auswirkungen auf die Wissenschaft an sich, sondern auch nachweislich Wirkung auf Philosophen wie Voltaire und generell die Bewegung der Aufklärung. Ebenso steht sie am Beginn der großen mathematischen Tradition Frankreichs. Parallel dazu entwickelt sich das Französische im 18. Jahrhundert zur Lingua Franca der europäischen Wissenschaft, und auch daran hat diese Übersetzung starken Anteil.

Außerdem ist die Übersetzung der „Principia“ eine der ersten bedeutenden Übersetzungen durch eine Frau. Émilie du Châtelet ist eine hervorragende Mathematikerin und selbst Philosophin der Aufklärung. Sie steht heute stellvertretend für die oft übersehene Bedeutung intellektueller Frauen in der Aufklärung.

Der Stein von Rosette

Am 15. Juli 1799 stolpert das Pferd eines französischen Offiziers im Nildelta über einen aus dem Sand ragenden Stein. Es leitet damit die moderne Ägyptologie ein.

Der Stein von Rosette, eine etwas über einen Meter hohe Granit-Stele beinhaltet den gleichen Text in Altgriechisch, Demotisch und ägyptischer Hieroglyphenschrift: ein Dekret zur Verehrung des Königs Ptolemaios V. Rund 23 Jahre nach dem Fund gelingt dem Linguisten Jean-François Champollion, aufbauend auf den Vorarbeiten anderer, die Sensation: Er entziffert die bis dahin unlesbaren Hieroglyphen! Der Franzose öffnet damit die Türe zum Verständnis der Literatur und Geschichte des alten Ägypten, seiner Religion und Wissenschaft und nicht zuletzt des antiken Alltags.

Zugleich verändert diese Übersetzung die Linguistik: Die Methode, verschiedene Sprachsysteme durch Bilinguen zu vergleichen, wird zu einem grundlegenden Prinzip. Der Stein von Rosette hat aber auch starke Auswirkungen auf die Archäologie: Tageszeitungen auf der ganzen Welt berichten ausführlich über Champollions Erfolg und lösen damit nicht nur eine verbreitete Ägypten-Begeisterung aus, sondern auch einen regelrechten Boom der archäologischen Forschung im 19. Jahrhundert.

Onkel Toms Hütte

Malcolm X und Martin Luther King sind die bestimmenden Figuren der schwarzen Bürgerrechtsbewegung der 1960er-Jahre. Beste Freunde werden sie nicht. Vor allem in den frühen Jahren wirft Malcolm X seinem deutlich weniger radikalen Mitstreiter vor, sich zu sehr an das weiße Establishment anzubiedern. Er beschimpft ihn mehrmals als „Uncle Tom“.

Harriet Beecher Stowe veröffentlicht „Onkel Toms Hütte“ 1852, und der Roman wird dank Übersetzungen in mehr als 40 Sprachen rasch zu einem Welterfolg. Die Autorin ist überzeugte Gegnerin der Sklaverei und schreibt ihren Roman mit der klaren Intention, der Welt (oder zumindest Amerika) diesen Skandal deutlich vor Augen zu führen. Und das tut er: Das Buch verkauft sich sensationell, und es wird zu einem Argumentarium der Nordstaaten im Sezessionskrieg. Berühmt geworden ist Abraham Lincolns angebliche Bemerkung zu Beecher Stowe: „Sie sind also die kleine Frau, deren Buch diesen großen Krieg verursacht hat.“

„Onkel Toms Hütte“ rückt das Thema Sklaverei aber auch außerhalb Amerikas in den Fokus. In Lateinamerika und Russland befeuert es Debatten über Kolonialismus und Leibeigenschaft, in Europa hat es nicht zuletzt zur Folge, dass die Sympathien der Öffentlichkeit deutlich in Richtung der Nordstaaten kippen.

Dass man dem Roman seine Entstehungszeit anmerkt, ist unbestritten. Die schwarzen Sklaven werden stereotyp gezeichnet, die christliche Leidensfähigkeit der Hauptfigur ist aus heutiger Sicht eher befremdlich, und letztlich ist es eine weiße Autorin, die den Schwarzen hier zur Gerechtigkeit verhelfen will. Malcolm X‘ Verärgerung ist also verständlich – sie ignoriert aber den gewaltigen Impact dieses Buchs.

Das Kapital ins Russische

Der erste Band von „Das Kapital“ erscheint 1867 in Hamburg. Nach dem Tod von Karl Marx stellt Friedrich Engels in den Jahren 1885 und 1894 die beiden Folgebände fertig, aber schon 1872 ist in St. Petersburg die erste Übersetzung in die russische Zielsprache erschienen. Mit buchstäblich weltweiten Folgen.

Im stark agrarisch geprägten Russland setzt damals die Industrialisierung ein, und Marx‘ komplexe ökonomische Kritik des Kapitalismus fällt rasch auf fruchtbaren Boden. Intellektuelle haben mit „Das Kapital“ plötzlich eine theoretische Grundlage für eine revolutionäre Bewegung in der Hand.

Die Übersetzung ins Russische trägt entscheidend zur Bildung politischer Kreise bei, die in die Gründung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands münden. Revolutionäre wie Lenin nutzen „Das Kapital“ als theoretische Basis für Kritik am Zarismus und die Entwicklung des Bolschewismus.

Nach dem Sieg der Oktoberrevolution prägt „Das Kapital“ die Wirtschaftspolitik der Sowjetunion und wird auch in anderen Ländern die Basis der Planwirtschaft.

Das Tagebuch der Anne Frank

Die niederländische Ausgabe erscheint 1947, die erste deutsche Übersetzung im Jahr 1950. Das „Tagebuch der Anne Frank“ liegt heute in mehr als 70 Sprachen vor und ist eines der meistgelesenen Bücher der Welt.

Die Aufzeichnungen des pubertierenden Mädchens, das die Schrecklichkeit des Nationalsozialismus nahezu beiläufig zwischen persönlichen Alltags-Bemerkungen einstreut, werden zu einem zentralen Text für die Erinnerungskultur.

In Deutschland und Österreich ist die Wirkung naturgemäß besonders stark. Im Jahr vor der Veröffentlichung der deutschen Übersetzung haben die Nürnberger Prozesse geendet. Die Einstellung, hier sei endlich ein Schlussstrich gezogen worden, ist weit verbreitet, schließlich sind die Schuldigen ja benannt und abgeurteilt. Das „Tagebuch der Anne Frank“ macht jedoch den alltäglichen Wahnsinn greifbar, die große Schuld, die Mitläufer und Sympathisanten auf sich geladen haben. Das Mädchen, das 1945 im KZ Bergen-Belsen mit dem Großteil seiner Familie stirbt, hält der Gesellschaft bis heute den Spiegel vors Gesicht.

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