Propaganda und Manipulation: Wenn Übersetzung Politik macht

Literatur zu übersetzen, ist eine hohe Kunst. Doch sie wird auch immer wieder mal missbraucht, um Menschen zu manipulieren. Mit der Vernetzung der Welt mag das Problem kleiner geworden sein, aber in der Geschichte hat dieseMethode viel Schaden angerichtet. Was früher wirkungsvoll war, wirkt heute jedoch oft unfreiwillig komisch. Hier sind einige der bemerkenswertesten Beispiele.

Die Diskussion ist mehr als 2.000 Jahre alt: Im ersten vorchristlichen Jahrhundert widmen sich der Politiker Cicero und der Lyriker Horaz der Frage, ob man Texte wörtlich oder sinngemäß übersetzen soll. Die Frage ist zu dieser Zeit hoch aktuell. Viele griechische Texte werden ins Lateinische übersetzt, es ist ein kulturelles Prestigeprojekt. Und die beiden sind der gleichen Meinung: Sie kritisieren wörtliche Übersetzung als „sklavisch“. Der Übersetzer solle den Sinn bewahren, aber Gedanken und Wirkung an das jeweilige Publikum anpassen. Es ist die älteste bekannte Beschreibung von Transcreation.

Der Gedanke hat sich weitgehend durchgesetzt. Bücher werden heute nur noch dann streng wörtlich übersetzt, wenn es sich um Studienausgaben handelt, die Struktur und Grammatik der Originalfassung sichtbar machen wollen.

Doch das hat auch eine Schattenseite: Übersetzung kann gezielt dafür eingesetzt werden, politische Ziele zu erreichen. Die Geschichte ist voller Beispiele dafür und einige davon sind derart grotesk, dass es sich lohnt, sie als humoristische Highlights vor den Vorhang zu bitten.

Religiöse Schriften: Die Herrschaft zementieren

Besonders schlimm ergeht es immer wieder der Bibel. Ausgerechnet jenes Buch also, das zahlreiche hervorragende Übersetzungen durchlaufen hat. Die europäischen Kolonialmächte beispielsweise stellt das Buch vor ein Dilemma: Zwar sind einige Passagen durchaus heftig, wie etwa Epheser 6,5: „Ihr Sklaven, seid gehorsam euren irdischen Herren mit Furcht und Zittern (…)“. Doch zugleich geht es auch um Befreiung aus der Sklaverei, wie etwa im Buch Exodus. Für die Ausgaben in afrikanischen Sprachen fanden die Übersetzer aus heutiger Sicht eher fragwürdige „Lösungen“. Das Buch Exodus ist darin einfach nicht mehr enthalten, und im Epheser-Brief heißt es nun: „Ihr Arbeiter, gehorcht euren europäischen Herren mit Ehrfurcht (…)“. Auch im Brief an die Römer bessern sie ein wenig nach. 13,1 liest sich statt „Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat“ nun plötzlich so: „Alle sollen den Gesetzen der Regierung und den Anweisungen der Kolonialbeamten folgen.“

Diese Methode der Desinformation funktioniert aber auch in die Gegenrichtung. Religiöse Hindu-Texte oder afrikanische Mythen werden zwar von britischen und französischen Kolonialbeamten übersetzt, allerdings in einer Form, die sie besonders primitiv wirken lassen. Und ganz nebenbei ändern einige Götter ihren Namen in Jehova.

Den Koran erwischt es bereits im Jahr 1143. Abt Petrus Venerabilis beauftragt eine Übersetzung ins Lateinische, die sich eher als Paraphrase und polemischer Kommentar liest. Christen sollten schließlich nicht auf die Idee kommen, den Islam interessant zu finden. Und das ist erst der Anfang: Bis in die Neuzeit erlebt der Koran Übersetzungen in europäische Sprachen, die den Islam als rückständig und bedrohlich darstellen und die öffentliche Meinung tatsächlich dahingehend beeinflussen. Manchmal werden dabei nur einzelne Begriffe unscharf übersetzt, andernorts kommt es zu massiven inhaltlichen Abänderungen.

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Weltliteratur: Manipulation stützt Ideologie

Den großen Werken der Weltliteratur ergeht es nicht besser. William Shakespeares Dramen bieten hier einige besonders skurrile Beispiele. Abweichungen im Text mit entsprechender Regie zu kombinieren, macht die Beeinflussung besonders effektiv.

  • Hamlet: In der ehemaligen Sowjetunion werden Textpassagen zur individuellen Freiheit in Lob kollektiver Werte abgeändert. Daran sind sogar Übersetzungsgrößen wie Boris Pasternak beteiligt. Die Nationalsozialisten wiederum streichen das bestimmende Element von Hamlets Psyche: sein Zaudern. Stattdessen spaziert er als entschlossener Führer über die deutschen Bühnen. Public Relations à la Diktatur.
  • Othello: Unter dem Apartheid-Regime wird der vielschichtige Othello in Südafrika zu einem eindimensionalen, brutalen Mann und zum Inbegriff des Fremden. Die Darstellung seiner Beziehung zu Desdemona dient der Unterstützung der rassistischen Ideologie, ganz wie es die politische Agenda verlangt.
  • King Lear: Im Spanien der Franco-Zeit werden Passagen, die als Kritik an Macht und Tyrannei gelesen werden können, abgeschwächt. Und das sind bekanntlich ziemlich viele. So wird aus „Durch zerlumpte Kleider sieht man die kleinsten Laster; lange Röcke und Pelzmäntel verdecken alles“ ganz einfach „Edle Gewänder verbergen die Fehler, wie es der Ordnung entspricht.“
  • Julius Caesar: Auch das einst faschistische Italien hat seine Probleme mit Shakespeare. Etwa mit der Szene, in der einer der Mörder Caesars „Freiheit! Freiheit! Die Tyrannei ist tot!“ ruft. Unter Mussolini äußert er brav: „Gerechtigkeit wurde geübt!“

Ähnliches passiert mit allen Büchern, die soziale Ungerechtigkeit kritisieren. Das grandiose Zitat in George Orwells „Animal Farm“ – „Alle Tiere sind gleich. Aber manche sind gleicher als die anderen“ – entfällt in sowjetischen Ausgaben komplett oder wird des entscheidenden zweiten Satzes beraubt. Geradezu kabarettistisch ist eine Übersetzung aus Charles Dickens‘ „Oliver Twist“. Die grausame Stelle, an der das Waisenkind bestraft wird, weil es um einen zweiten Teller Suppe bittet – „Bitte, mein Herr, ich möchte noch etwas mehr“ – lautet hier: „Genosse, ich brauche mehr Essen, um zu überleben.“

Texte zu manipulieren, ist allerdings nicht nur Diktaturen vorbehalten. Besonders während des Kalten Kriegs agiert der Westen ähnlich und auch keineswegs subtiler. Einige Beispiele für die schamlose Übersetzung russischer Autoren ins Englische aus den 1950er-Jahren:

  • Fjodor Dostojewski, „Die Brüder Karamasow“: „Jeder ist für alle und alles verantwortlich“ wird zu „Jeder ist für sich selbst verantwortlich.“
  • Lew Tolstoi, „Krieg und Frieden“: „Die Macht liegt nicht in den einzelnen Menschen, sondern in der Gesamtheit“ wird zu „Wahre Macht liegt im Willen großer Männer.“
  • Maxim Gorki, „Die Mutter“: „Die Wahrheit wird die Welt verändern“ wird zu „Ihre Illusionen werden ihre Welt zerstören.“

Politische Schriften: Was kümmern uns Details?

Dramen und Belletristik senden politische Botschaften meist eher indirekt. Ganz anders theoretische politische Schriften: Sie benennen mehr oder weniger klar, worum es den Autor:innen geht. Was sie selbstverständlich nicht vor bewusster Propaganda für die eigene Überzeugung schützt. Und auch daran sind viele Seiten beteiligt.

  • „Das Kapital“ ist eine wesentliche Grundlage der sowjetischen Dogmatik. Allerdings geht Karl Marx der politischen Führung nicht immer weit genug. Wenn Marx also meint, die Entwicklung der kapitalistischen Produktion in Russland sei „noch nicht gesichert“, ersetzt die russische Propaganda dies lieber durch „… ist unvermeidlich.“ Muss man verstehen, immerhin geht es um die deterministische Geschichtslogik!
  • Den USA ist in den 1950er-Jahren sehr daran gelegen, Lenin als autoritär darzustellen. „Ohne revolutionäre Theorie kann es keine revolutionäre Bewegung geben“, schreibt Lenin. In den USA liest sich das allerdings so: „Keine Bewegung ohne starres Dogma.“
  • Ähnlich verfährt man im Westen der 1960er-Jahre mit Mao Zedong. Da er dem Publikum als völlig Verrückter präsentiert werden soll, ändert man sein „Widersprüche sind die treibende Kraft der Entwicklung“ in „Konflikte sind das Wesen des Chaos in der Gesellschaft.“ Stimmt, das klingt ausreichend verrückt.
  • Auch Niccolò Machiavelli muss sich den Zeitläuften beugen, und das sogar im eigenen Land. Im „Il Principe“ schreibt er: „Es ist besser, gefürchtet als geliebt zu werden, wenn man nicht beides sein kann.“ Unter Mussolini erscheint das noch nicht heftig genug, also wird daraus „Es ist die Pflicht des Führers, Stärke zu zeigen und Gehorsam zu verlangen.“
  • Besonders ärgerlich wird es, wenn solche Übersetzungen positive Gestalten wie Jean-Jacques Rousseau betreffen. „Der Mensch ist frei geboren, und überall liegt er in Ketten“, eröffnet Rousseau sein Buch „Vom Gesellschaftsvertrag“. Eine französische Kolonialausgabe aus den 1930er-Jahren interpretiert das eher frei: „Der Mensch findet Freiheit in der Ordnung und den Gesetzen der Autorität.“

Übersetzung braucht Interpretation

Horaz und Cicero haben natürlich Recht: Übersetzung muss und soll bis zu einem gewissen Grad interpretieren. Gute Übersetzungen halten sich nicht Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte lang, weil sie korrekt sind, sondern weil sie Ton und Intention gleichermaßen treffen. Übersetzungen, die der Manipulation und Beeinflussung dienen, machen das nur umso sichtbarer.

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